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Gespräch mit Till Bräuning von Elefant Art Space,
Galerie für zeitgenössische Kunst, Hamburg
www.braeuningcontemporary.com


Der Rucksack als ein Symbol für die Last der vielfältigen Lebensgabelungen und Wegentscheidungen, vor denen wir heute stehen?

Ja, auf jeden Fall. Wir tragen immer mehr mit uns herum, nicht nur materiell gesehen. Wir führen ein Leben in Optionen, so dass es einem manchmal ganz schwindelig werden kann, wenn man sich die vielen Möglichkeiten vor Augen führt. Das ist ein enormer Luxus, der auch zur Last werden kann. Es gibt ja kaum noch Normen, an die man sich halten muss oder kann. Alles muss man selbst entscheiden. Dass man da manchmal den Rucksack am liebsten in den nächsten Abgrund schmeißen will und sich nach einer Pause sehnt, ist sehr verständlich.

Dein Ausdrucksmittel ist die Tuschezeichnung, meist kleinformatig. Was fasziniert dich an dieser Technik? Was kannst Du ausdrücken?

Ich habe viel für Comics gezeichnet. Dabei ist es wichtig, die Geschichte durch Bilder zu transportieren. Dafür braucht man keine gigantischen Formate. Wenn man kleinformatig arbeitet, ist es leichter, anfangs noch nicht zu wissen, was man zeichnet. Die Ungewissheit ist das Wesentliche bei dieser Art zu Arbeiten. So kann ich mich selbst überraschen und staunen, was da alles Merkwürdiges, Erstaunliches, Liebliches oder Abstoßendes
herauskommt. So wird mir nie langweilig. Wochenlang an einem riesigen Ölbild malen wäre nichts für mich. Mir ist nicht nur das vollendete Bild wichtig, sondern auch der manchmal wunderliche und abwechslungsreiche Prozess dahin.

Du weisst zu Beginn nicht, was Du zeichnen wirst? Das heißt, die Motive Deiner Zeichnungen kommen quasi von selbst, entstehnen assoziativ. Nutzt Du ein Skizzenbuch für Ideen? Woher kommen Deine Ideen, Assoziationen?

Genau, ich plane das Motiv nicht. Ich habe kein Skizzenbuch, sondern nur ein Buch, in das ich jeden Morgen eine Zeichnung mache. Meine sogenannten Morgenzeichnungen. Da zeichne ich sowohl gezielt, was ich zum Beispiel geträumt oder erlebt habe, als auch drauf los was kommt. Woher die Bilder kommen? – Hm, ich glaube man hat so eine Art Bildspeicher, in dem alles, was man wahrnimmt, hört, sieht, schmeckt, fühlt… miteinander verschmilzt. Daraus kann ich schöpfen. Ist dieser Brunnen erschöpft, muss ich mir neuen Input beschaffen.

Du kommst als Zeichnerin aus der Comic-Welt, entfernst Dich aber mit Deiner neuen Serie entscheidend von der Erzählweise des Comics. „Wenn der Rucksack scheuert“ ist freie Zeichenkunst. Was war der Grund für diese Veränderung?

Das war eine bewusste Entscheidung. Ich wollte mich mehr dem Zeichnen widmen. Beim Comic ist die Zeichnung natürlich auch das tragende Medium, aber man muss viel auf die Geschichte achten, also dass sie nachvollziehbar bleibt. Das ist interessant und fordert viel Geschick. Doch durch diese Linearität habe ich mich eingeengt gefühlt. Die Zeichnungen jetzt sind auch erzählerisch, aber nicht in einer strikten Reihenfolge wie bei Comic von Panel zu Panel. Die Erzählung funktioniert jetzt eher geschichtet. Gleichzeitig stehen die Bilder für sich, erzählen aber auch gemeinsam, das finde ich spannend.

Also auch das eine Entscheidung aus Deinem Rucksack an Möglichkeiten, den Du mit Dir herumträgst. Allgemein ist der Rucksack an Lebensoptionen bei einem Künstler, wenn er sich einmal für diesen freien, aber auch herausfordernden Lebensweg entschieden hat, besonders schwer. Was machst Du selbst, wenn Deiner scheuert?

Ausmisten und Salzchips essen.

Ludmilla, vielen Dank für das Gespräch!

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